Veröffentlicht am 04. März 2024

Warum Raye alle Awards dieser Welt verdient hat

Am Wochenende wurden bereits zum 44. Mal die «Brit Awards» verliehen: die vielleicht wichtigsten Musikpreise Englands. Sängerin und Songwriterin Raye nahm insgesamt sechs Trophäen mit nach Hause – ein neuer Rekord. Wir stellen die britische Künstlerin vor, die unserer Meinung nach alle Awards dieser Welt verdient hat.

Journalist
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Es geht ja schon mit ihrer Stimme los. Wenn die Londonerin Rachel Agatha Keen alias Raye singt, braucht sie manchmal nur ein Piano zu ihrer Stimme, um den Saal in ihren Bann zu ziehen. Dann könnte sie selbst das Zürcher Telefonbuch singen und die Leute würden an ihren Lippen hängen.

Aber dann sind da eben noch die Worte, die sie singt: Als am Wochenende die «Brit Awards» verliehen wurden, spielte Raye live ein kleines Medley. Und dieses Medley begann sie solo am Klavier. Mit einem Song, der vielen Männern im Publikum hoffentlich wie ein Tritt in die Eier vorkam: «Ice Cream Man».

Ein Lied gegen sexuelle Übergriffe in der Musikbranche

Raye singt darin von einem Übergriff, den sie selbst in dieser Branche erlebte, die sie nun feiert. Der Song beginnt so: «So, this producer hit me up on the DM / He told me, "Hey, I really like what you are doing" / He told me, "Come round to the studio, let's cook it" / He told me, "Come to catch a vibe and make some music" / But when I got there, should've heard what he was saying / Tryna touch me, tryna fuck me, I'm not playing.»

Wer Rayes Karriere und ihre Interviews kennt, weiss, dass sie diesen Song bewusst als Intro gewählt hat – bevor sie dann mit «Prada» bewies, dass sie auch den grossen, Gospel-nahen R’n’B kann und mit «Escapism», dass ihr auch feministische Banger zwischen Club und Pop gelingen.

Verdiente Preise für offene Rechnungen

Überhaupt dürften die 44. «Brit Awards», die am Wochenende im Millennium Dome in London vergeben wurden, eine späte Genugtuung für Raye gewesen sein. Sie hat mit der dort versammelten Musikbranche nämlich noch eine Rechnung offen. Das hat mit den Anfängen ihrer Karriere zu tun.

Die 1997 geborene Britin wurde schon 2014 bei einem grossen Label unter Vertrag genommen. Von Anfang an war Raye eine fantastische Songwriterin, die auch für andere arbeitete. Olly Alexander von Years & Years wurde früh auf sie aufmerksam und schickte ihren Song „Hotbox“ an das Label Polydor, das sie kurz darauf unter Vertrag nahm.

Raye sollte weiterhin für andere Künstler:innen schreiben, bekam aber einen Vertrag, der ihr vier eigene Alben zusagten. John Legend, das House-Duo Blonde, Beyoncé und Little Mix – sie alle haben Songs, die Rayes Namen in den Credits tragen. Als sie aber beim Label das eigene Debütalbum pushte, wurde sie immer wieder ausgebremst.

Rayes erstes Album – ein musikalischer Racheakt | ZUM ARTIKEL

«Musik ist ALLES FÜR MICH»

2021 postete Raye dann wütend auf Twitter, dass sie die Schnauze voll hat: «Ich habe seit 2014 einen 4 ALBUM VERTRAG !!! Und ich durfte nicht ein einziges Album herausbringen. Musik IST ALLES FÜR MICH. Ich habe es satt, vernachlässigt zu werden, und ich habe es satt, mich darüber zu ärgern.»

Das Label war pissed, entliess sie aus ihrem Vertrag – genau das, was Raye erreichen wollte. Kurz darauf verkündete sie: «Heute spreche ich als unabhängige Künstlerin zu euch.» Im Oktober kam dann «Escapism» und Raye wurde, vor allem in Kombination mit ihrer Backstory, zum TikTok-Hype. Aber auch Rayes Feature-Partnerin war gut gewählt: 070 Shake hatte damals auch gerade einen sehr krediblen Höhenflug.

Ein Indie-Debüt, das viele Major-Preise abräumte

Im Frühjahr 2023 folgte dann endlich ihr wirklich fantastisches Albumdebüt «My 21 Century Blues». Eine positive Review folgte auf die nächste, das Album gewann den renommierten «Mercury Prize» – und das alles als Indie-Release unter ihrem Namen mit dem in L.A. sitzenden Vertrieb «Human Re Sources» als Partner. Der gehört allerdings seit 2020 auch zu Sony, ist aber ein sehr unabhängiges Set-up, das den Künstler:innen freie Hand lässt.

Bei den «Brit Awards» am Wochenende gewann sie schon im Vorfeld die Auszeichnung «Beste:r Songwriter:in». Ausserdem bekam sie die Trophäen für für das Beste Album (»My 21st Century Blues«), den Besten Song (»Escapism.«), als Beste Künstlerin, als Beste Neue Künstlerin und als Beste R'n'B-Künstlerin.

Damit hat Raye die neue Bestmarke gesetzt. Selbst Blur, Harry Styles und sogar Adele hatten diese Anzahl nie geschafft. Eine späte Genugtuung für Raye also, die gestern die «time of her life» hatte. Einige Dinge trübten jedoch die riesige Raye-Party: die Radiomoderator:innen Clara Amfo, Maya Jama und Roman Kemp, die gemeinsam die Awards hosteten, harmonierten nur bedingt.

Ausserdem hatte die Show viele Längen, was man an den Gesichtern des Publikums ablesen konnte – und viele A-List-Stars waren gar nicht erst erschienen. Vermutlich, weil sie schon ahnten, dass sie gegen Raye kein Land sehen …

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