Veröffentlicht am April 11, 2022

Als Ed Sheeran vor 180 Zuschauer:innen spielte

Inzwischen ist Ed Sheeran einer der grössten Popstars der Welt – und einer der erfolgreichsten Live-Acts noch dazu. Einen seiner ersten Auftritte im deutschsprachigen spielte Sheeran jedoch in einem etwas besseren Partykeller einer Ferienanlage am Weissen

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In aller Kürze

Inzwischen ist Ed Sheeran einer der grössten Popstars der Welt – und einer der erfolgreichsten Live-Acts noch dazu. Einen seiner ersten Auftritte im Deutschsprachigen spielte Sheeran jedoch in einem etwas besseren Partykeller einer Ferienanlage am Weissenhäuser Strand an der Ostsee. Unser Autor war 2011 einer von gut 180 Zuschauer:innen, die diese besondere Show im sogenannten Witthüs live erlebten. Schon damals konnte man klar erkennen: Ed Sheeran ist ein Menschenfänger. Und hat Grosses vor ...

Im Leben eines Fans oder Musikjournalisten gibt es immer wieder mal Konzerte, die im Rückblick das Zeug zum Legendenstatus haben. Wenn ich heute den Kindern meiner Freunde erzähle, dass ich ihren Helden Ed Sheeran schon einmal in einem norddeutschen Schuppen namens Witthüs live gesehen habe, glauben einige von ihnen, ich erlaube mir einen Spass. Aber es stimmt nun mal wirklich: Ed Sheeran spielte seinen ersten oder zweiten (die einen sagen so, die anderen so) Gig in Deutschland im November des Jahres 2011 beim Rolling Stone Weekender am Weissenhäuser Strand. Da war seine Single «The A-Team», die im Juni 2011 kam, zwar schon ein Hit in England, aber hierzulande hatten ihn nur wenige auf dem Schirm. Sheerans Label Warner Music spürte zwar schon das immense Potential und warb bei Musikjournalist:innen für den jungen Singer-Songwriter, aber die Grundstimmung war eher skeptisch. Das galt vor allem fürs Publikum des deutschen Rolling-Stone-Magazins, das sozusagen Gastgeber des Festivals war. Die Leserschaft hat zwar ein offenes Ohr für gute Musik, ist aber eher recht traditionell unterwegs. Ich erinnere mich, wie ich damals ein Gespräch hörte, bei dem ein Herr Anfang 50 seinen Kumpel fragte, ob man sich denn diesen «rotschöpfigen Charts-Bengel aus England» anschauen werde.

Der schreckliche Backstage

Ich arbeitete damals als Online-Redakteur beim deutschsprachigen Rolling Stone. Die Promoterin von Ed Sheeran bat mich und mein kleines Team, doch unbedingt Ed zu treffen und ein kleines Video-Feature zu filmen. Ich fand seine Musik zwar gut, aber ein wenig zu brav beim ersten Hören. Aber ich habe schon immer gerne junge Acts getroffen, bei denen man in der Branche spüren kann, dass es mit denen etwas werden könnte. Ed Sheeran spielte recht spät am Abend, und da er nach einem langen Flug am Weissenhäuser Strand ankam, wurde auf ein Interview verzichtet. Aber Ed wollte uns gerne eine Akustik-Version seiner Single «The A-Team» in die Kamera singen. Also klopften wir am späten Abend im Backstage an seine Zimmertür. Dabei muss man wissen: Der Schauplatz des Festivals sieht aus, als wäre er in den späten 80ern eingefroren worden. Es ist eine Art Feriendorf mit kleinen Häusern, einer Art überdachten Spass- und Futter-Promenade und einem Hotel. Dieses Hotel setzt auf – nett formuliert – schwierige Farben. Der Raum, in dem Ed dann für uns spielte, sah so schrecklich aus, dass wir das Video nachher in Schwarz-Weiss veröffentlichten.

«Ed! Play!»

Sein Manager öffnete uns die Tür und bat uns, leise zu sein. Ed habe eine mehrstündigen Flug hinter sich und schliefe noch. Wir schlichen in das kleine Zimmer. Und tatsächlich. Da lag Ed Sheeran angezogen auf einem Drei-Sterne-Hotel-Bett, die Augen geschlossen, die Hände vor der Brust. Und schlief. Sein Tourmanager – ein ruppig-freundlicher Engländer Anfang 50 – schnippte laut mit der rechten Hand. Sheeran richtete sich blitzschnell auf, war sofort hellwach. Der Manager witzelte: «Ed! Play!» Was Sheeran lachend mit einem Stinkefinger parierte. Dann tat er aber genau das. Sagte «Hallo» zu uns, führte einen kurzen Smalltalk, packte seine Gitarre und stellte sich vor die Küchenzeile, um dieses Video einzuspielen:

Ed Sheeran bei einer Akustik-Session im Jahr 2011

Die harte Schule des «Busking»

Danach hatte er mich. Eigentlich wollte ich eine andere Band auf der Hauptbühne schauen, aber ich beschloss, mir seinen Auftritt im Witthüs anzuschauen, der gut eine Stunde später begann. Das Witthüs war die kleinste der Festivalbühnen. Ein Raum, irgendwo zwischen Scheune und Partykeller, in den maximal 180 Leute passten. Da stand Ed Sheeran dann, wie er es bis heute tut, allein auf der Bühne und spielte mit einer Gitarre und einer auf dem Boden befestigten Loop-Station. Das Publikum begrüsste ihn verhalten und eher mit verschränkten Armen. Hier wartete nicht unbedingt seine Zielgruppe, sondern überwiegend die ein wenige elitäre Rolling-Stone-Leserschaft. Ed Sheeran überzeugte sie trotzdem. Man spürte gleich die harte Schule des «Busking» – also der Strassenmusik, mit der Sheeran in englischen Fussgängerzonen seine ersten Live-Erfahrungen machte. Dort wie hier musste er Leute überzeugen, die ihn noch nicht kannten und vielleicht sogar ein wenig belächelten. Mir ist bis heute in Erinnerung, wie schnell die Stimmung von skeptisch auf begeistert kippte. Wie er das Publikum mit einer Springsteen-Cover-Version um den Finger wickelte und dann irgendwann diesen tollen Pop-Song «The A-Team» mit der Geschichte dahinter vortrug.

Ed Sheeran spielt "The A-Team" im Witthüs am Weissenhäuser Strand

Viele verliessen das Witthüs wie ich: unerwartet restlos begeistert. Ich sollte Ed Sheeran danach noch einige Male treffen. Denn er, sein Label und sein Team merkten sich, wer ihm frühes Interesse entgegenbrachte. Beim nächsten Interview spielte er schon in einer ausverkauften 3000er-Halle und wir redeten über seine Tour im Vorprogramm von Taylor Swift. Dann wurde es immer grösser. 2015 spielte er drei Abende hintereinander im ausverkauften Wembley Stadion, wovon er mir 2017 mit leuchtenden Augen erzählte, während seine Single «Shape Of You» gerade zum meistgestreamten Hit des Jahres wurde.

Ed Sheeran 2015 im Wembley Stadium in London, wo er drei ausverkaufte Nächte am Stück spielte.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich Ed Sheerans Riesenerfolg damals hab kommen sehen – aber man kann zumindest sagen: Viele, die 2011 im Witthüs standen, ahnten, dass dieser sympathische junge Mann mit dem roten Wuschelkopf noch einiges vorhat.

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