Veröffentlicht am 12. Juni 2024

Warum werden Popsongs kürzer?

Popsongs sind kürzer geworden. Wie kam es zu dem Trend und was hat TikTok damit zu tun? Die Gründe dafür.

Journalist
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Im Frühling 2019 stieg Lil Nas X mit «Old Town Road» in die Billboard-Charts ein. Der Erfolg des Country-Trap-Songs war eine Anomalie. Zum einen weil die exzentrische Nummer auf den ersten Blick nur wenig Mainstream-Appeal bietet und zum anderen weil die Original-Version gerade mal eine Minute und 53 Sekunden dauert.

Für sich genommen sagt das erstmal nicht viel aus. «Old Town Road» ist aber längst nicht der einzige populäre Song, der sich kurz hält. Fünf aktuelle Beispiele dafür:

  • PinkPantheress - «Pain» | 1:38
  • The Kid Laroi & Justin Bieber - «Stay» | 2:21
  • Jason Derulo - «Acapulco» | 2:19
  • Tate McRae - «greedy» | 2:11
  • David Guetta feat. OneRepublic - «I Don't’ Wanna Wait» | 2:29

Früher war alles besser?

Der Trend ist nicht neu. Bereits 2017 veröffentlichte der Doktor in Musiktheorie Hubert Léveillé Gauvin eine Studie, die herausfand, dass Popsongs heute rund 20 Sekunden kürzer sind als in den 80er-Jahren. Gauvin begründete dies damals mit den Veränderungen bei der Musik-Konsumation und dem riesigen Angebot der Streaming-Portale.

Bevor sich jetzt aber alle Boomer in ihrem «Früher war alles besser»-Argument bestätigt fühlen: «A Hard Days Night» von den Beatles dauert ebenfalls nur knackige 2 Minuten und 34 Sekunden und bei der Durchschnittslänge der Fab Four sieht es auch nicht viel besser aus: Der Mittelwert für sämtliche Beatles-Songs liegt bei 2 Minuten und 45 Sekunden.

Die Gründe

Seit Dr. Gauvins Studie sind sieben Jahre vergangen. Seine Erklärung für die kürzer werdende Spielzeit der Songs hat zwar weiterhin Bestand, kann im Jahr 2024 aber durch weitere Ursachen ergänzt werde

1. Die Tiktokfizierung

TikTok wird gerne als Auslöser für den Trend bezeichnet, das greift zwar zu kurz, aber die Social Media-Plattform ist derzeit wahrscheinlich der stärkste Treiber der Strömung. Viraler Content dauert selten über 30 Sekunden. Wer diesen mit Musik unterlegt, braucht Tracks, die rasch zur Sache kommen.

2. Spotifys 30 Sekunden-Regel

Dass Streaming einen enormen Einfluss auf unseren Musikkonsum hat, ist weitgehend bekannt, was auch Dr. Gauvins Studie bestätigt. Ein weiterer Grund ist dabei die 30 Sekunden-Regel von Spotify. Die Plattform verzeichnet erst dann die Wiedergabe eines Songs, wenn der User diesen für mindestens 30 Sekunden lang spielt. Künstlerinnen und Künstler haben damit einen finanziellen Anreiz, auf Intros oder einen raffinierten Aufbau zu verzichten.

Hinzu kommt, dass kurze Songs eher mehrfach gespielt werden, was einen zusätzlichen Impuls schafft. Mehr Plays = mehr Kohle.

3. Content-Flut

Gemäss Meta (ehemals Facebook) entscheiden Social Media-User innerhalb von 3 Sekunden, ob der Content in ihrem Feed spannend ist oder nicht. Vanessa Bakewell ist verantwortlich für Film- und Musik-Partnerschaften auf der Plattform und verriet 2019, dass alles vom ersten Eindruck abhängt und der muss schnell sitzen. Filmstudios verzichten aus diesem Grund auch oft darauf, ihre Trailer zuerst mit einem Logo zu starten, was für lange Zeit Tradition war.

Wer sich zu viel Zeit lässt, verliert. Dies gilt auch für Musikerinnen und Musiker.

4. Historischer Kontext

In den 60er-Jahren behielten nicht nur die Beatles ihre Songs gerne unter der Länge von drei Minuten, die meisten ihrer Kollegen taten es der Band aus Liverpool gleich. Das war allerdings weniger ein kreativer Entscheid als eine diktierte Notwendigkeit, weil der Speicherplatz eines physischen Tonträgers limitiert ist.

«Please Please Me», das Debütalbum der Beatles, hat eine Spielzeit von 31 Minuten und 59 Sekunden.
«Please Please Me», das Debütalbum der Beatles, hat eine Spielzeit von 31 Minuten und 59 Sekunden.

Auf einer klassischen 12-inch 33 RPM-Schallplatte können rund 22 Minuten Musik pro Seite gespeichert werden, bevor es zu qualitativen Einbussen beim Sound kommt, womit ein doppelseitiges Album höchstens 44 Minuten dauern darf. Audio-CDs boten fast doppelt so viel Platz, was mit ein Grund war, dass Songs in den 80er und 90er länger wurden.

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Im digitalen Zeitalter spielt das alles nur noch bedingt eine Rolle. Es zeigt allerdings auf, dass die musikalische Kreativität schon vor 60 Jahren mit marktauferlegten Regeln konfrontiert war.

5. Unsere Aufmerksamkeit

2015 veröffentlichte Microsoft einen Forschungsbericht, der ausweist, dass sich unsere Aufmerksamkeitsspanne seit dem Jahr 2000 um ca. einen Drittel verschlechtert hat. Es ist der bekannteste Bericht dieser Art, die Methodologie und das daraus resultierende Fazit wird von vielen Akademikern aber in Frage gestellt.

Wissenschaftlichere Analysen tendieren zwar in eine ähnliche Richtung, halten aber gleichzeitig fest, dass es zu früh für definitive Aussagen ist. So wird auch vermutet, dass unsere verkürzte Aufmerksamkeitsspanne schlicht eine Adaption auf eine veränderte Welt sein könnte, die von uns mehr Multitasking verlangt.

Nicht nur Popsongs werden kürzer, unsere Aufmerksamkeitsspanne nimmt ebenfalls ab.
Nicht nur Popsongs werden kürzer, unsere Aufmerksamkeitsspanne nimmt ebenfalls ab.

Warum werden Songs kürzer?

Weil wir alle die Aufmerksamkeitsspanne von einem dementen Goldfisch haben und weil Streaming- und Social Media-Plattformen kurze Songs kommerziell und finanziell bevorteilen. Gleichzeitig werden wir mit dermassen viel Content zugemüllt, dass wir es schlicht nicht nötig haben, einem neuen Song mehr als ein paar Sekunden Zeit zu lassen.

«I Like The Way You Kiss Me» von Artemas startet umgehend mit dem Refrain.

Ein weniger polemische Antwort wäre, dass es eine sehr facettenreiche Thematik ist, die viele Ursachen hat, wobei ein veränderter Medienkonsum sowie neue Geschäftsmodelle wahrscheinlich die Tragendsten davon sind.

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Wie sehr unsere Aufmerksamkeit damit zusammenhängt, muss weiter erforscht werden. Vielleicht dreht sich der Trend wieder und wir hören in fünf Jahren nur noch Songs in der Länge einer Sitcom-Episode. Vielleicht haben uns die letzten 20 Jahre Büsi-Videos und Cinnamon-Challenge, aber auch einfach das Hirn geröstet und schon bald überfordert uns bereits ein 15-sekündiger Werbejingle, who knows?

Ist das jetzt gut oder schlecht?

Ansichtssache. Grossartige Musik nimmt sich so viel oder so wenig Zeit wie sie braucht. David Bowie, Queen und Nirvana haben allesamt Songs unter zwei Minuten in ihrer Diskographie und die meisten davon sind ziemlich toll.

Weiterhin verbietet ja niemand irgendwem längere Songs zu produzieren. Bilie Eillishs «Chihiro» dauert gut fünf Minuten und findet sich derzeit weltweit in den vordersten Plätzen der Charts.

Popmusik wird sich weiterhin verändern, bei Bedarf auch mal sehr radikal, wie sich das am Beispiel des Hyperpop-Booms zeigt. Manchmal sind sich Pop und Punk eben näher, als man denkt.

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