Veröffentlicht am 22. Juli 2022

Über Amy Winehouse ist (noch nicht) alles geschrieben worden

Am 23. Juli jährt sich der Todestag der britischen Sängerin Amy Winehouse – und alle werden drüber schreiben. Nur leider oft mit einer etwas unfairen Gewichtung. Das wollen wir in diesem Text vermeiden.

Journalist
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Als Musikjournalist hasst man Todestage. Und man lebt von ihnen. OK, das ist ein wenig sehr böse formuliert. Aber es stimmt nun mal: Seitdem ich vor rund 15 Jahren in den Musikjournalismus eingestiegen bin, habe ich immer wieder über Musker:innen-Tode geschrieben und vor allem in meiner Zeit als Online-Redakteur hin und wieder zynisch festgestellt: Wenn jemand stirbt, sind die Zahlen für die nächsten Tage sicher. Ebenso lernt man in jeder Redaktion: Todestage ziehen immer. An diesen Tagen liest und schreibt man dann immer wieder dieselben Texte: Erinnerungen von Kolleg:innen, Einordnungen in die Popkultur, kommentierte Playlisten, Nacherzählungen der Geschehnisse. Im Idealfall sind diese Texte wenigstens gut – und dann kann man das auch aushalten.

An den Tod von Amy Winehouse am 23. Juli 2011 erinnere ich mich bis heute sehr genau. Ich war damals Online-Redakteur des deutschen Rolling Stone. Es war ein Samstag. Und es war natürlich allen klar: Hier ist eine ganze Grosse tragisch und viel zu früh von uns gegangen. Home-Office gab es damals noch nicht wirklich, auf die Website konnte man nur innerhalb des Büronetzwerks zugreifen. Ich sass zufällig gerade mit meiner Freundin in der Nähe des Büros in einer Bar. Also tranken wir etwas geschockt aus, gingen ins Büro und schrieben die Meldung, mit den spärlichen Informationen, die man hatte, während der dienstälteste Kollege bereits am poetischen Nachruf arbeitete.

Später hörte ich stundenlang die Musik von Amy Winehouse. Das tolle Debüt «Frank». Das überirdisch Gute «Back To Black», das meiner Meinung nach einen grossen Anteil daran hat, dass Soulmusik in den letzten Jahren einen guten Lauf hat. Schon bei den Nachrufen damals wurmte mich die Gewichtung vieler Artikel: Oft ging es eben mehr um den Promillewert zum Zeitpunkt ihres Todes, ihre öffentlichen Abstürze, ihre toxische Verbindung zum On-Off-Ehemann Blake Fielder-Civil. Dass die Presse selbst – vor allem die britische Boulevard-Presse – Amy jahrelang vor sich hertrieb und permanent stalkte, wurde dann ganz gerne unter den Teppich gekehrt. Ich hätte damals lieber gelesen, wie grandios Stücke wie «Fuck Me Pumps“, «In My Bed» oder später «Rehab», «Love Is A Losing Game» oder eben «Back To Black» sind. Eine meiner liebsten Popmusik-Zeilen stammen aus «In My Bed»: «You'll never get my mind right / Like two ships passing in the night.» Wie gross ist bitte diese Zeile? Und wie traurig ihr Kern.

Amy Winehouse beim Glastonbury Festival im Jahr 2007, bei dem der Autor dieser Zeilen ungefähr in der 15. Reihe stand.

Ich konnte Amy Winehouse sogar einmal live sehen auf dem Glastonbury Festival 2007 und «traf» sie ganz kurz in London. Sie war gut in Form damals auf der Bühne. Fast ein wenig schüchtern, dann immer wieder kurz auf ihre direkte Art lustig. Das Glasto-Publikum, das in dem Jahr wie so oft viel Regen abbekommen hat, frass ihr aus der Hand. Ich wünschte mir, man schriebe mehr über Shows wie diese – und nicht die späteren, tragischen, wo sie hin und wieder recht derangiert wirkte. Das Treffen war dann natürlich nicht wirklich eines – aber trotzdem eine seltsame, kurze Begegnung mit Amy Winehouse, an die ich mich erst nach ihrem Tod wieder so richtig erinnerte. Ich war nach dem Festival mit einer Freundin und Kollegin, die auch aus Deutschland angereist war, in die Stadt gefahren, da unsere Flieger nach Deutschland erst am Abend gingen. Wir nutzten diese Zeit, um uns in einem Supermarkt mit britischem Tee und Keksen einzudecken. Während sie einkaufte, «bewachte» ich vor der "Tesco"-Filliale unser Gepäck. Ich muss einen amüsanten Anblick geboten haben. Meine Hose war bis zu den Knien matschbraun, weil ich die letzte halbwegs saubere Hose erst am Flughafen anziehen wollte. Von meine Arbeitsstiefeln bröckelte der Schlamm. Neben mir lag ein Haufen von Wanderrucksäcken, Zelten und Taschen. Plötzlich hielt auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein Taxi. Und Amy Winehouse stieg aus. Sie rief dem Fahrer noch etwas zu, sah mich, blieb stehen und lachte mich laut und herzlich aus. Dann zeigte sie auf meine Stiefel und Rucksäcke und rief: «Ha! Glastonbury, mate? » Ich nickte nur verwirrt und sie rauschte vorbei in den Markt. Als ich noch überlegte, ob dieses charismatische, ausserirdische Wesen WIRKLICH Amy Winehouse war, sah ich wie drinnen ein paar junge Frauen durchdrehten und Amy mit ihren Smartphones filmten. Kurz darauf kam Amy wieder aus dem Laden, lachte mir noch einmal zu und rief: «Have a safe trip home. Get clean!». In der Hand hielt sie ihre Einkäufe: Kippen und eine Zwei-Liter-Flasche Milch.

Die Dokumentation «Amy» bedient zwar auch oft Gossip-Gelüste, hat aber einige wundervolle Privataufnahmen von der jungen Amy Winehouse, die gerade ihr Talent entdeckte.

«Clean» im etwas anderen Wortsinn ist Amy Winehouse selbst leider nie wieder so richtig geworden. Und damit kommen wir bei diesem Text (der etwas persönlicher geraten ist, als ich das anfangs vorhatte) zu meiner eigentlichen These: Es ist fast alles über Amy Winehouse geschrieben worden – mit der schon betonten, etwas unausgewogenen Gewichtung. Was man aber alle Jahre wieder sehr deutlich hervorheben sollte, ist die Tatsache, das Künstler:innen wie sie bisweilen gefährlich leben und gerade deshalb ein Umfeld brauchen, das ihnen Halt gibt. Depressionen, Drogenkonsum, ungezügelter Exzess mögen oft grosse Musik und Schlagzeilen hervorbringen, aber der Preis dafür ist hoch und die Künstler:innen die das alles durchleben, brauchen zumindest in der Musikwelt Halt, Betreuung und verantwortungsvolle Geschäftspartner:innen. Ebenso bräuchte es eine Medienwelt und ein Publikum, das sich weniger an den persönlichen Dramen labt, sondern Dankbarkeit dafür zeigt, dass immer wieder kreativen Menschen dunklen Phasen wundervolle Kunst abringen. Wenn wir also an diesem Todestag Amy Winehouse gedenken, dann sollten wir ihre Musik ehren – und darauf drängen, dass die Musikwelt Künstler:innen wie sie in Zukunft besser schützt. Es gibt nämlich immer noch – aktuell vielleicht eher im Rap – viele Beispiele, um die man sich ernsthaft sorgen dürfte.

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