Published on April 22, 2022

«Schon sehr geil, Baby, I can tell»: Das erwartet dich bei Bilderbuch in Zürich

Interviews zu ihrem neuen Album geben sie nicht: Bilderbuch lassen ihre Konzerte sprechen. Unser Autor war in der Philharmonie in Köln, um mitzuschreiben. Heisse Fotos gibt es auch.

Journalist
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Maurice Ernst von Bilderbuch bei Eröffnungskonzert der c/o pop in Köln

Ich war am Mittwoch in der Kölner Philharmonie auf dem Eröffnungskonzert des Festivals c/o pop. Da spielten Bilderbuch aus Österreich vor ausverkauftem Haus. Mein Auftrag: Ich soll aufschreiben, was dich erwartet, wenn du zu den glücklichen Menschen zählst, die am 24. April im Kaufleuten in Zürich beim Bilderbuch-Konzert dabei sind. Ich dürfe beim Schreiben «durchaus ein wenig freidrehen». Passe ja gut zu dieser Band. Das stimmt.

Erwarte bitte keine Ironie

Also – ganz wichtig zum Einstieg: Erwarte um Himmels Willen keine Ironie! Das galt für Bilderbuch schon immer. Anfang 2015 war ich Chefredakteur des Musikmagazins «Intro» und wir packten Bilderbuch aufs Cover – als Gesichter einer Newcomer:innen-Liste mit dem Titel «Frische Musk für 2015». Eine Autorin traf sie für uns. Das war kurz nach dem Release der EP «Feinste Seide», auf der die mittlerweile als Hits etablierten Songs «Maschin» und «Plansch» zu finden waren. Sänger, Texter und manchmal auch Gitarrist Maurice Ernst meinte da zum Thema Vorbilder: «Ich könnte dir sagen, dass Prince im Moment ein Riesenvorbild für mich ist. Oder David Bowie. Vorbilder sind für mich vor allem Künstler, die sich über einen längeren Zeitraum immer wieder verändert und trotzdem qualitativ Hochwertiges abgeliefert haben.»

Wenn man heute, kurz nach der Veröffentlichung des neuen Albums «Gelb ist das Feld», auf ihre Bilderbuch-Karriere schaut, kann man die Essenz dieser Aussage und seiner übergrossen Vorbilder immer noch spüren. Auch wenn Maurice immer wieder denglische Metaphern und Sätze raushaut, die einem das Grinsen ins Gesicht treiben, macht er seinem Namen alle Ehre und nimmt jedes Wort ernst. Bilderbuch haben einen ganze eigenen Charme und Humor, aber ähnlich wie Prince oder Bowie schweben sie über den Dingen. Das bedeutet aktuell also auch: Wenn Bilderbuch ein Gitarrenalbum machen, das dem opulenten Pop und Softrock der 80er nacheifert und 14 Liebeslieder mit orgiastischen Gitarrenparts aufbietet, dann meinen sie das todernst.

Nicht ABBA, sondern Bilderbuch in der Philharmonie Köln beim Eröffnungskonzert der c/o pop. (Bild: Christian Hedel)
Nicht ABBA, sondern Bilderbuch in der Philharmonie Köln beim Eröffnungskonzert der c/o pop. (Bild: Christian Hedel)

Erwarte a touch too much von allem

Das Konzert am Mittwochabend in der Kölner Philharmonie – wo sonst eher Brahms, Bach und Mozart regieren – lässt sich am besten mit einem Zuckerschock, einer gerade noch verträglichen Dosis MDMA oder einer kuschelig ausfallenden, respektvollen Orgie vergleichen. Bilderbuch setzen von Anfang an auf Reizüberflutung. Die Tatsache, dass sie zuletzt nur in ehrenwerten Häusern der Klassik auftraten, spielt ihnen dabei in die Karten. Die stocksteife Hochkultur darf heute draussen bleiben, Maurice Ernst reisst die Leute schon mit seiner Begrüssungs-Anrede von den Sitzen. Die Architektur der Philharmonie tut das übrige: Über der Bühne schwebt eine Konstruktion, bei der man zwangsläufig an das Ende des Weissen Hauses im Film «Independence Day» denken muss. Die seit 2012 in dieser Form bestehende Kernbesetzung von Bilderbuch – Maurice Ernst, Gitarrengott Michael Krammer, Bassist Peter Horazdovsky und Drummer Philipp Scheibl – trägt weisse, hüftenge Schlaghosen und Glitzerwesten mit meistens nix drunter. Alle vier stehen ebenbürtig auf gleicher Höhe vorne auf der Bühne und sehen mit den langen Haaren kurz aus wie ABBA in ihrer Hochphase.

Musikalisch sind wir dann allerdings eher bei Chicago, den Eagles, Genesis oder Pink Floyd. Und das bedeutet: Auch da ist alles ein wenig too much. Die vier werden furios verstärkt von einer weiteren Gitarristin und einem Perkussionisten, was vor allem den neuen Songs eine fast überambitionierte Wucht gibt. Und dann wäre da noch die Sache mit der Gitarrenliebe: Michael Krammer gniedelt sich in jedem Lied ein geiles Solo aus der Hüfte, spielt manchmal gar mit einer Doubleneck-Gitarre und tut das mit einer androgynen Lässigkeit in der unteren Körperhälfte, dass sich alle in ihn verlieben. Erschöpft ist man nach all dem Muckerwahn trotzdem irgendwie nicht – was vielleicht daran liegt, dass Bilderbuch mit ihrem Charme und Maurice mit seinen denglischen Wundertexten dem Könnerhaften noch einen spleenigen Twist geben. Manchmal ist es dann aber doch a touch too much von allem, wie Maurice wohl sagen bzw. singen würde: Zum Beispiel wenn sich zwei Gitarristen und der Bassist, um das runde ufo-ähnliche Scheinwerfer-Dingens in der Bühnenmitte versammeln und dort gemeinsam die Saiten schrubben. Ein Bekannter fühlte sich dabei an die Keks-Szene aus dem Coming-of-Age-Film «Crazy» erinnert. Damit hatte er recht. Aber google das jetzt bitte nicht ...

Bilderbuch-Gitarrist Michael Krammer (Bild: Lenny Rothenberg).
Bilderbuch-Gitarrist Michael Krammer (Bild: Lenny Rothenberg).

Erwarte eine Sexyness zwischen schmierig und «doch ganz geil»

Verzeiht mir diese etwas nach Softporno klingende Headline. Aber wenn ich über ein Konzert von Bilderbuch schreibe, muss es eben auch um diese seltsame Erregung gehen, die von Anfang an zu spüren ist. Einmal ruft ein Mann: «Maurice, ich liebe dich! ». Was dieser mit einem netten «Danke» zurückgibt. Später brüllt ein weiterer Mann mit Stadion-erprobter Bierstimme: «Maurice, du geile Sau! » Was Maurice dann zu Recht zu prollig ist – da rollt er nur kurz mit den Augen. Die jungen Frauen auf den Plätzen neben mir wiederum haben ähnlich viel Liebe und Euphorie in der Stimme, wenn sie nach jedem Song lautstark jubeln. Das könnte am androgynen Swag von Maurice Ernst und Michael Krammer liegen, der jenem von Harry Styles nicht unähnlich ist. Die beiden zeigen mit jedem galanten Schritt über die Bühne, dass man als junger Mann nicht immer nur mit testosteron-besoffenen Männercliquen abhängen sollte. Breitbeingang und Manspreading sind nämlich schon lange vorbei – heute gleitet man in Schritten, die wellenförmig aus der Hüfte rollen. Auf die Spitze treiben sie das alles mit Liedern wie «Bungalow» («Dann rufst du an auf meinem Handy / Und da bist du wieder candy / Komm vorbei in meinem Bungalow / Ich hab' Snacks für die Late-Night-Show») oder «Nahuel Huapi», das klingt, als hätte man leider viel zu guten Sex an einem See in Argentinien mit dem schmierig-schönen Backpacker-Typen ohne Hemd und Socken, den man eigentlich nervig finden wollte. Passend dazu singt Maurice Ernst: «Du und ich nackt im Nahuel Huapi / Schon sehr geil, Baby, I can tell / Sterne über uns machen uns so happy / Nur du und ich und der Rest der Welt.»

Genau so könnte man vielleicht auch den Konzertabend und diesen Text auf den Nenner bringen: Wenn du am Sonntag im Kaufleuten in Zürich bei Bilderbuch bist, wird es «schon sehr geil, Baby, I can tell».

Blick in die Philharmonie Köln beim Konzert von Bilderbuch (Bild: Lenny Rothenberg).
Blick in die Philharmonie Köln beim Konzert von Bilderbuch (Bild: Lenny Rothenberg).

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